Schafschoad 2011 – Seit Urväters Zeiten eine Plackerei

Die „Schafschoad“ nach Mieming-Untermieming war schon immer eine kräftezehrende Aktion. Seit Urväters Zeiten eine Plackerei. Für das Tier und den Menschen.

Am Samstag, dem 17. September 2011 war für 480 Schafe und 66 Stück Jungvieh der Almsommer auf der Seeben-Alm beendet. Sie gehören acht Schafbauern und sechs Viehbauern, alles Mitglieder der Agrargemeinschaft Seeben-Alm, Untermieming. Die Agrargemeinschaft zählt zurzeit 35 Mitglieder. Armin Falch ist derzeit ihr Obmann. Der Begriff „Schafschoad“ ist auf das Wort „Scheiden, trennen“ zurückzuführen. Ursprünglich war die Schafschoad für Sonntag, 18. September geplant, aber ein angekündigter Wettereinbruch, oberhalb 1100 Meter Seehöhe, war für die kurzfristige Terminvorverlegung verantwortlich.

Wochenende gehört den Tieren

Für die Seeben-Alm-Bauern nichts Ungewöhnliches. An diesem Wochenende war ihre Zeit ohnehin den Tieren gewidmet. Da kommt es auf einen Tag früher oder später auch nicht mehr an. Das Kommunikationsnetzwerk lief auf Hochtouren. Am Donnerstag machten sich die ersten zehn Männer auf ihren Weg zur Seeben-Alm. Sie hatten nur knappe zwei Tage Zeit das Vieh zur Koppel am Seeben-See zu treiben. Am Freitagabend sollte der Job erledigt sein. Für die meisten ist das zwar langjährig erprobte Routine und doch so etwas Hochheiliges. Auf der Seeben-Alm kündigte sich der Wetterumschwung schon Tage zuvor an. So sieht es aus, wenn der Winter kommt.

Seelenverwandter seiner Tiere

Dem Almhirt Gerhard Wiggens ging alles nicht schnell genug. Ein Seelenverwandter seiner, ihm anvertrauten Tiere. Gerhard spürt die Gefahr. Genau wie die Tiere. Sie werden unruhig und die meisten sammeln sich aus eigenem Trieb schon rund um die Seeben-Alm. Nur die härtesten von ihnen, brauchen Sondereinladungen. Gerhard Wiggens weiß genau, wo er suchen muss. Für diese Arbeit würde wohl die durchschnittliche Kondition eines Bergwanderers nicht ausreichend sein, aber der Alm Hirt folgt seinen Tieren den ganzen Sommer über auf Schritt und Tritt. Er hat die Kondition eines Leistungssportlers.

Lämmer auf dem Weg in die Ställe

Ein Teil der Männer ist am Freitagabend nochmal nachhause gefahren. Da gibt es auch noch jede Menge zu tun. Hänger müssen auf die Alm gebracht werden, mit den die frischen Lämmer in die heimischen Ställe gebracht werden. Für sie wäre der Weg zu beschwerlich und die Gefahr von Abstürzen sehr wahrscheinlich. Am Samstag-Morgen um 6-Uhr-30 sind alle wieder auf der Seeben-Alm. Viele Helferinnen und Helfer stellen sich dazu ein. Manche von ihnen gehen den Weg vom Lehnberghaus über die Grünsteinscharte zu Fuß. Eine Frage der Ehre.

Geschichten rund um die Schafschoad

„Früher haben wir unsere Tiere im Juni diesen Weg auf die Alm getrieben“, erinnert sich Wendelin Maurer. Er ist heute nur noch passiv dabei, seine beiden Söhne haben die Väter als Schafbauern abgelöst und die machen ihre Sache gut. Wendel kann sich an einen Tag, vor ca. 28 Jahren erinnern. „Da haben wir uns nichts ahnend auf den Weg gemacht und in Höhe Lehnberghaus wurden wir von extrem winterlichen Verhältnissen überrascht. Darauf waren wir gar nicht vorbereit. Das vergesse ich nie. Wir haben bis zum geht-nicht-mehr gefroren und es schneite wir verrückt. Wenn uns das Klauenvieh nicht den Weg über die Scharte, an der Coburger Hütte vorbei – zur Seeben-Alm – geebnet hätte… – wer weiß schon, was passiert wäre?“ Immer wieder werden solche Geschichten erzählt.

Perfekte Verhälnisse für den Abtrieb

Heute machen Mensch und Tier den Weg einmal. „Das wird wohl auch so bleiben“, meint Tscheggenschaf-Obmann Manfred Krug. Heuer war er stärker im Organisationsteam eingebunden. Um halb-sieben werden erst die frischen Lämmer von der Herde getrennt und auf bequeme Art ins Dorf gebracht. Um 7 beginnt der Viehabtrieb. Von der Koppel am Seeben-See, Richtung Coburger Hütte, über die Grünsteinscharte, Richtung Lehnberg-Haus nach Untermieming. Bis zum höchsten Punkt der Tour, der Scharte, brauchte der Viehtreck knappe zwei Stunden und nach weiteren zwei Stunden, gegen 11 Uhr, wartete schon eine zur Zwischenrast perfekt vorbereitete Koppel der Familie Thaler nahe des Gasthauses Arzkasten. „Wirklich perfekte Verhältnisse“, stellt Manni Krug und die anderen fest. „Da kann man nur ‚danke‘ sagen!“.

Rast im Arzkasten hat Tradition

Die Rast im Arzkasten ist auch Tradition. Wirtin Bernadette kümmerte sich wie vor immer persönlich um die Schafer. Die kehren gerne bei ihr ein, denn da gibt’s ein warmes Essen, ein Glas Bier und für den ein oder anderen auch das erste Glasl Selbstgebrannten. Zum Arzkasten kommen auch die Frauen und Kinder. Manche von ihnen gingen ihren Männern schon entgegen. Zeit zum Entspannen. Zeit für ein tiefes Durchatmen. Alles nochmal gut gegangen. Keine Verluste. Das Wetter hat keinem geschadet. Nach einer knappen Stunde Rast im Arzkasten machen sich alle wieder auf ihren Weg, Richtung Ober-Mieming.

Freundliches Dorf-Ritual bei der Ankunft

Gegen 14-Uhr-30 trifft der Zug in Untermieming ein. Heuer waren links und rechts des Weges weniger Zuschauer. Wohl deshalb, weil das Publikum den Sonntag für das persönliche Spektakel einplante. Pech gehabt. Vorbei am Mesnerhaus und der Pfarrkirche führt der Weg in die, wie immer, gut vorbereitete Koppel vom Stiegl-Toni am Gasthof Stiegl. Hier werden alle begrüßt und die, vom harten Weg gezeichneten Minen entspannen sich. Zum Ritual gehört, dass die Hirten und ihre Tiere von ihrem Dorf begrüßt werden.

Das Vieh ist versort, jetzt kommt sein Mensch dran

Wenn das Vieh versorgt ist, darf sein Mensch ran. Bei Hilde, Barbar und Toni gibt’s Essen und Trinken satt. Die Alten am Stammtisch möchten wissen, wie es war. Geschafft. Am Tag darauf kommen die Tiere in ihre Ställe. Dort werden sie von ihrer Sommerwolle befreit und dürfen zur Belohnung auf den „Nachberg“. So nennt man die immer noch satten Weiden auf dem niederen Plateau. Hier dürfen sie – je nach Wetter – bis spätestens 31. Oktober bleiben. Damit ist für Gerhard Wiggens wieder einmal die Hirtenzeit zu Ende. Am 29. ist er aber nochmal dabei. Er hilft wenn die Schafe im Schafbad Fiecht gebadet werden. Um 8 Uhr in der Früh beginnt die feuchte Angelegenheit. Schätze, da sehen wir uns alle wieder.

Fotos: Knut Kuckel / Manfred Krug

Knut Kuckel

Journalist / Publizist. Herausgeber von:
→ „MediaNews.Blog" – Das Informationsportal MediaNews.Blog informiert über die Themenbereiche Medien, Journalismus und Kommunikation. Versteht sich auch als Forum für die Qualität im Journalismus, für Aus- und Weiterbildung in den Medien.
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