Sommermärchen – Kindergarten & Krabbelstube für Jungkühe

Aus Sicht der Kalbelen, die am Wochenende ihr neues, komfortables Heim beziehen durften, liest sich die folgende Geschichte wie ein modernes Märchen. Und beginnt auch wie ein Märchen. Es war einmal ein junger, sehr, sehr fleißiger Bauer. Der lebte mit seinem Harem im Tiroler Oberland. Die Damen waren sehr anspruchsvoll und weil ihnen ihr Herr und Gebieter zu Gefallen sein wollte, plante er im Frühsommer den Bau eines großen, hellen Palastes, der alles in den Schatten stellen sollte, was es an vergleichbaren Bauwerken in seiner Heimat bislang gab. Die Älteren seiner Liebschaften schickte er vor Baubeginn ins Gaistal, auf die Hochfeldern Alm, in die Sommerfrische.

Ihre Kinder freuten sich des Lebens, blieben aber am Hofe. Spielten von morgens bis abends. Dabei wurden sie täglich größer und kräftiger. Die Zeit eilte. Der junge Bauer wollte, dass seine Schönen, nach ihrer erwarteten Rückkehr im Herbst, ein neues Zuhause beziehen sollten. Also schuftete er tagein, tagaus – neben seiner Hof- und Feldarbeit – mit seinem Gefolge auf der Baustelle. Zuerst hoben sie gemeinsam eine riesige Grube aus, die mindestens vier Meter tief war. Dann kamen schwere Fahrzeuge mit großen Schaufeln und noch schwerere, kugelrunde, fette Betonmischer und der Bau ward jeden Tag größer. So ging der Sommer dahin und der Herbst war schon nah…

Was sich zunächst wie ein Sommermärchen liest, ist in Wirklichkeit eine wahre Geschichte, die ihren Höhepunkt am vergangenen Samstag erlebte. Das war der Tag, an dem alles gerichtet sein musste, weil die 15 bis 30-monatigen jungen Kuh-Damen aus ihrer Sommerfrische, am Bauernhof vom Post Hannes in Obermieming, zurück erwartet wurden. Das war eine Aufregung. Hannes war kaum ansprechbar. Da wurde geputzt und gewerkelt. Hier noch ein Werkzeug beiseite geräumt und dort noch ein Türschild angeschraubt. Am liebsten hätte der Hannes die kleinen, aber feinen Kuhstuben mit roten Schleifen garniert. In der Stall-Küche roch es nach Kräutern und Blumen. Nach einer Weile war dann alles fertig.

Am späten Nachmittag wurde es spannend. Viele Gäste fanden sich ein, niemand wollte sich das besondere Ereignis entgehen lassen. Und dann hörte man die Kuhglocken näher kommen. Und das Rufen des Feldereralp-Hirts Norbert Kluckner. Die von ihm zum neuen, wunderschönen und offenen Stall geführten Jungkuh-Damen hatten – was selten vorkommt und eigentlich völlig artfremd ist – einen „Affenzahn“ drauf. Sie rochen die Heimat und wollten jetzt keine Zeit mehr verlieren. Dann standen sie plötzlich, wie festgezurrt vor ihrem neuen Zuhause und niemand und nichts konnte sie weiter bewegen. Alles roch so fremd. In der Diele waren spalt-offene Streifen zu sehen. Die sahen ganz so aus, wie die unbeliebten Tretgitter auf der Alm. Also fürchteten sich alle sehr. Aber bevor alle wieder umkehren konnten, wurde die Erste von ihnen am Ohr gepackt und mit viel Mühe und vereinten Kräften, in das neue Heim gezogen. Mehr geschoben. Die Jung-Kuh versuchte sich mit ihrer ganzen Kraft zur Wehr zu setzen. Und Kraft hatte sie schon sehr viel.

„Ist erst einmal eine drin, folgen die anderen auch“, rief der Hannes. So war es dann auch. Dann waren um die 15 junge Kühe im neuen, nach Süden hin, offenen Stall. Sie fürchteten sich immer noch ganz schrecklich und „fremdelten“ sehr. Dann rochen Sie am Holz, am Metall, am säurefesten Betonboden und inspizierten nach und nach den Rest der Immobilie. Vor dem „Dielenboden“, einem Spaltenboden mit Querrillen, hatten sie am meisten Angst. Da Kühe, manches besser können als wir Menschen – beispielsweise sehen – sahen sie tief unten fließendes Wasser. Wie auf der Alm. Geradezu unheimlich. Grauslig.

Dann entspannte sich die Situation, Gottseidank, sehr rasch. Der Post Hannes kam mit mehreren Schubkarren frischem, gut riechendem Heu aus erstem Schnitt. Verteilte vor den Schauer-Gittern in Windeseile viele Häuflein Heu und seine Damen schauten jetzt zum ersten Mal leicht interessiert aus ihren Sommerfell-Mänteln. Sie waren augenscheinlich hungrig und wurden deshalb etwas unvorsichtig. Dann reichten die zweibeinigen Zuschauer ihnen von Hand ein paar Kostproben und schon war das Eis geschmolzen. Hannes und Toni fuhren mehr und mehr Heu heran. Zur Feier des Tages erwartete die Umsiedler ein Drei-Gänge-Menü. Nach dem Heu wurde ein Kraftfutter-Mix gereicht, das überwiegend vom eigenen Getreide gemahlen werden konnte. Der Höhepunkt war dann die Mais-Grassilage. Mit Gärfutter waren die jungen Damen zwar noch nicht so vertraut, aber es dauerte nicht lange, dann konnten sie ihre Hemmungen überwinden.

„So ist das“, sagte jemand, „was die Kuh nicht kennt, frisst sie nicht“. Von wegen. Das Drei-Gang-Menü war schlicht und einfach „der Hammer“! – Das Eis war geschmolzen und nun wurde das neue Heim mit sehr viel mehr Wohlwollen in Augenschein genommen als zuvor. Es wurde dunkel. Hannes und Toni fuhren noch reichlich Futter heran und alle gaben sich ihrer Nachtruhe hin. Am Sonntag-Morgen waren wir wieder früh auf unseren Beinen, weil wir schauen wollten, wie es den Kalbelen im neuen Stall so ging. Da lagen die Einen und da wiederkäuten die Anderen. Es ging ihnen sichtlich „sauwohl“.

Dann zündete Hannes Post Stufe Zwei seines Umsiedlungskonzeptes und verteilte im vorderen Teil des offenen Stalles ein paar Ballen bestes Stroh. Anschließend fuhr er mit einem großen Anhänger, rückwärts an das Stalltor heran und heraus sprangen – verspielt und vergnügt – ein paar sechs-Monate-alte Kälber. Die kamen direkt aus dem alten Stall und freuten sich ganz doll über ihr neues Zuhause. Da wurde getobt und gesprungen, gehüpft und herumgetollt. Alles wurde untersucht. Die neuen Kratzbürsten zur Körperpflege, die in hellem lindgrün erstrahlenden Frischwasser-Tränken, das Heu mit Kraftfutter und die, mit hohem Stroh ausgelegte Spielwiese. Das hat gut geklappt. Die Nachbarschaft zu den älteren Kalbelen tat ein Übriges. „Frau“ fühlte sich wohl. Während wir die Geschichte aufschreiben und dazu ein paar Bilder vorbereitet haben, ist „Tag IV“. Wer hätte das gedacht? Unsere Nachwuchs-Kühe fühlen sich wohl. Schauen hinaus, sind neugierig auf alles Neue, was sich irgendwie in Stallnähe bewegt. Sogar ein schrecklich lautes Moped findet ihr gemeinsames Interesse. – Bevor wir es vergessen. Die Zweibeiner gingen am Vormittag wählen. Bis unsere Vierbeiner das dürfen, wird noch etwas Zeit vergehen…

Bauer Hannes Post: „Der nach Süden hin offene Stall wurde von uns nach neuesten Erkenntnissen der Stalltechnik im Sommer gebaut. Wir möchten, dass unser Vieh gesund aufwachsen kann. In bestem Stallklima, ohne Hitzestress. Der Innenbereich ist das Ruhezentrum. Mit Liegeboxen, Laufstall und Tiefboxen. Die Tiefboxen sind vor allem für die jungen Kälber mit frischem Stroh ausgelegt. Im vorderen Teil haben wir unsere Jungtiere (ab sechs Monate) untergebracht. Der mittlere und hintere Stallbereich ist den 15- bis 30-Monate alten Tieren vorbehalten. Zwischen Futter- und Ruhebereich haben wir den “Hygiene-Raum” eingerichtet. Auf Spaltenböden mit Querrillen und Bürsten. Anfangs war unsere Familie unterschiedlicher Meinung. Jetzt sehen wir aber alle, wie gut es unseren Tieren geht und sind froh, den Stall gebaut zu haben“.

Bauernhof der Familie Post → www.bauernhof-post.at

Fotos: Knut Kuckel

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Knut Kuckel

Journalist / Publizist. Herausgeber von:
→ „MediaNews.Blog" – Das Informationsportal MediaNews.Blog informiert über die Themenbereiche Medien, Journalismus und Kommunikation. Versteht sich auch als Forum für die Qualität im Journalismus, für Aus- und Weiterbildung in den Medien.
→ "OnMyWay.Photos" - mein Foto-Blog. Mit Bildern und Kurzgeschichten von unterwegs. 

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