Futter-Mais – Dreifache Ernte im Vergleich zum Vorjahr

Auf dem Band, das die Rückseite seiner Kappe zusammenhält, steht fett eingestickt „tiroler.at“ und dieser Schriftzug steht weniger für die Herkunft seines Trägers als für eine bekannte Tiroler Versicherung. Seine Sonnenbrille trägt an den Bügeln das Fendt-Logo. Die Brille ist Kult. Wer die trägt, ist unangefochtener Profi. Charly Wett trägt heute dieses Kultobjekt. Für ihn kein Statusobjekt „die Brille schützt die Augen vor dem Erntestaub“, versichert Charly Wett überzeugend. Häcksler Bernhard Agerer trägt ebenfalls die Fendt-Brille. Heute wird der Mais geerntet. Futter-Mais. 

Ohne „Joystick“ wäre kein Durchkommen

Die rechte Hand am Joystick, mit dem er seinen Vario-Fendt 818 scheinbar um den Finger wickeln kann. Im übertragenen Sinne steuert Charly Wett seine 180 Pferdestärken wirklich mit „links“. Mit der Linken am Lenkrad, manövriert er so seinen Allrad-Koloss mühelos durch den nassen Boden. Der Traktor hat ein Eigengewicht von 7,2 Tonnen und er zieht noch einen Kipper, der leer 12 Tonnen wiegt. Rund 20 Tonnen, plus Ladung. Mit dem Vario-Getriebe fährt Charly auch durch den tiefsten Schlamm. Es ist gut, dass der Traktor technisch so ausgestattet ist, denn heute sackt er auf dem Maisfeld von Martin Kuprian gut einen halben Meter ein. Die Fronträder stehen quer. Das kostet Zeit. Die hat jetzt niemand. Ohne Turbomatik wäre heute gar nichts zu ernten.

Geerntet wird heuer drei Mal soviel wie letztes Jahr

Die schweren Regenfälle der vergangenen Tage, machen die Maisernte auf dem schweren Acker am Autobahnzubringer zur Inntal-Autobahn bei Mieming/See zum riskanten Unterfangen. Vier-ein-halb Hektar Mais stehen in seinem Auftragsbuch für den Lukaser Hof von Martin Kuprian. 1 Hektar ergeben 60 Ballen, macht ca. 270 Rundballen Mais. Auf einer Feldfläche von einem Hektar wachsen zwischen 80- bis 100.000 Maisstangen. Im Verkauf wären pro Ballen zwischen 80 und 90 Euro zu erzielen. Ein Mais-Ballen wiegt 900 bis 1000 Kilo. In zwei Wochen werden Bernhard Agerer und Charly Wett heuer insgesamt bis zu 140 Hektar Mais geerntet haben. Das dürften ca. 1800 Silo-Mais-Ballen sein. „Fast dreimal soviel wie im letzten Jahr“, sagt Charly. Mais ist weltweit nach Weizen das meistgehandelte Getreide.

Mais-Silage als Futtermittel gewinnt an Bedeutung

Der Anteil von Mais-Silage als Futtermittel nimmt von Jahr zu Jahr zu. Das Futter ist nährstoffreich und rein biologisch. In Mieming und Umgebung dürfte der Anteil im Durchschnitt, pro Hof, bei ca. 30 Prozent und mehr liegen. Charly Wett fährt – wie viele andere auch – im Auftrag des Maschinenrings Tiroler Oberland, mit Sitz in Imst.Er überlegt kurz und meint, in Mieming spiele der Mais-Anbau seit über 50 Jahren eine starke Rolle. „Ich glaube, Anfang der 60er Jahre wurde bei uns schon Mais angebaut. Damals wurde noch per Hand geerntet und gehäckselt. Zum Trocknen hat man die Maiskolben an den Stangen am Haus aufgehängt“, erklärt mir der Ernte-Meister, der „wie alle Tiroler Bauern“ Bio-Futter für das Vieh produziert und nicht für die Bio-Energie-Industrie.

Mais ist eine Kulturpflanze
Bereits im Jahr 1525 wurden in Spanien die ersten Felder mit Mais bebaut, nachdem Christoph Kolumbus die Pflanze in der Karibik entdeckt und mit nach Europa brachte. Ursprünglich stammt der Mais wohl aus Mexico. Mais ist Leben. Bestandteile: Eiweiß, Kohlehydrate. Mineralstoffe: Natrium, Kalium, Magnesium, Calcium, Eisen u.a.; Vitamin A, Vitamin B6, Folsäure, Vitamin E und andere.

Tiroler Bauern produzieren keine Futtermittel für die Energie-Industrie

Martin Kuprian: „Das ist für alle Bauern in der Alpen-Region eine Frage der Ethik“. Futtermittel zur industriellen Bio-Energiegewinnung zu produzieren, ginge mit den Tiroler Bauern nicht. „Wir befürworten noch den klassisch-geschlossenen, nachhaltigen Futter-Kreislauf – vom Feld in den Stall, vom Stall auf das Feld. In einer Tourismus-Region geht das gar nicht anders“, so Martin Kuprian, der auf dem Lukaser Hof auch Äpfel und andere Früchte anbaut, aus denen hochprozentige Alkoholica gebrannt werden. Unter Kennern genießt der Schnaps vom Lukaser Hof einen hohen Stellenwert.

Ernte-Unternehmen gehört die Zukunft

Das Ernte-Team ist heute fünf Mann stark. Neben, Charly Wett sind das der Unternehmer Bernhard Agerer aus Mieming, der freie landwirtschaftliche Dienstleister Christian Früh (Agrolohn, Sistrans), die landwirtschaftliche Service-Kraft David Krug und Martin Kuprian, Bauer am Lukaser Hof in Untermieming. Aufeinander eingespielte Ernte-Profis, die  zum Teil mit ihren schweren Maschinen in Nord- und Südtirol und sogar in Bayern gegen Lohn ernten. Nicht wenige meinen, den Ernte-Unternehmern gehöre die Zukunft. Sie säen und ernten im Auftrag meist kleiner, bis mittlerer Betriebe, für die sich der notwendige Maschinenpark nicht rentieren würde. Charly Wett beklagt, dass die Ernte-Fenster im kleiner werden: „Das Hauptproblem im Herbst ist der Regen, aber für eine Qualitätsernte brauchen wir trockenes Wetter“.

Keine Maisstange ist vor dem Corn-Cracker sicher

Die Crew bewegt heute vier Traktoren, zwei Kipper und einen „Champion 3000 Corn-Cracker“ von Kemper. Der „Corn-Cracker“ mit seinem gegenläufigen Sägezahnprofil schneidet die Maisstangen (volkstümlich „Türken“) ab, häckselt die Stangen und speit den „Früchtesalat“ in den parallel zu der Maschine fahrenden Kipper. Der Mais wird frisch vom Feld am Lukaser Hof zu Rundballen von 150 cm Durchmesser gepresst und luftdicht in Stretchfolie gewickelt. Bis auf die Anlieferung des grob gehäckselten Futter-Mais‘, geht alles vollautomatisch. Im Minuten-Takt spuckt der „LT-Master“ von Göweil seine schwere Last aus. Jetzt muss alles so schnell wie möglich gehen, weil der Gärprozess an der Luft sofort beginnt und sich beispielsweise Buttersäure bilden könnte. „Das wäre ein Qualitätsverlust von bis zu 70 Prozent“, erfahre ich von Charly Wett.

Muttersprache: Mais gleich Türken
Wir ernten den „Türken“, heißt in Westösterreich, vor allem in Tirol und Vorarlberg – wir ernten „Mais“. Geläufige Begriffe: Türkenmehl, Türkenmus, Türkengrieß (Maisgrieß). Literatur: „Die einen brachten einen Sack Buchweizen, die anderen Türkengrieß. (Gertrud Fussenegger, Spiegelbild 56); „Im Oberinntal aß man zum Frühstück Brennsuppe oder Türkenmus (Maria Drewes, Tiroler Küche 146). Dann hörte man früher noch, vor allem in Vorarlberg, Türkenriebel, Riebel aus Mais: „Dass die Rheintaler und der Türkenriebel zusammen gehören, ist eine alte Geschichte..“ (Riebel-Fibel). Quelle: Duden Taschenbücher, Wie sagt man in Österreich? Wörterbuch des österreichischen Deutsch.

Mono-Kulturen gibt es bei uns nicht

Verhindert wird die Verunreinigung des Fruchtfutters bei der Ballensilage durch sekundenschnelles Einwickeln der Ballen mit heller Folie. Dabei spielt auch die Folien-Farbe eine Rolle. Da die Rundballen oft im Freien gelagert werden, sind sie der Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Helle Folie weist die Strahlen ab. Wenn das Wetter so gut ist, wie von Mitte dieser Woche ab, inklusive des Wochenendes, ist Zeit ein kostbares Gut. Dann wird von 7 Uhr früh bis um 22 Uhr abends der „Türken“ geerntet. Auf Nachfrage wird uns versichert, Mono-Kultur gebe es hierzulande nicht. „Das kann sich keiner leisten“, kommentiert Martin Kuprian. „Felder bleiben mal ein Jahr brach liegen oder es werden im Wechsel Getreide und/oder Erdäpfel angebaut“. Nur so könne sich der wertvolle Boden am Mieminger Plateau wieder erholen. Martin Kuprian: „Der Boden ist unsere Existenz und damit gehen wir sehr gewissenhaft um“.

Fotos: Knut Kuckel

Knut Kuckel

Journalist / Publizist. Herausgeber von:
→ „MediaNews.Blog" – Das Informationsportal MediaNews.Blog informiert über die Themenbereiche Medien, Journalismus und Kommunikation. Versteht sich auch als Forum für die Qualität im Journalismus, für Aus- und Weiterbildung in den Medien.
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