Schafschoad 2012 – Tiroler Bergschafe 2272 Meter über Seehöhe

Schafschoad Seeben-Alm – Untermieming: „Vorn gehen die Kräftigen, hinten die Lampelen, die noch mit der Flasche großgezogen wurden“, sagt die Mieminger Ortsbäuerin und Mieming-Online-Reporterin Michaela Maurer. Angeführt vom Seeben-Alm-Hirt Gerhard Wiggens und dem Schafbauern Dietmar Maurer. Gemeinsam mit ihnen auf dem Weg sind um die sieben Schaf-Bauern der Agrargemeinschaft Seebenalpe, Untermieming. Schafschoad 2012 – am Sonntag, dem 16. September 2012.

„Aufstellung“ des Schafschoad-Teams

„Wer führt“, so Michi Maurer, „sollte einen guten Schritt haben, nicht zu schnell – aber auch nicht zu langsam“. Die beiden Frontleute können das mehr als perfekt. Keine leichte Aufgabe, denn ihnen folgen um die 530 Tiroler Bergschafe, Schaf für Schaf im „Gänsemarsch“. Hinten gehen Hanna Maurer und Hermann Neuner. An den Flanken die drei Border-Collies Senta, Jessie und Lord.

Temperaturen um den Gefrierpunkt

Michi Maurer: „Es war in der Früh so eisig-kalt, dass man die Kappe und Handschuhe gut erleiden konnte“. Aufbruchstimmung – morgens um 7 Uhr – bei winterlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt. Nicht ganz so kalt wie im vergangenen Jahr, erzählt unsere Reporterin, da musste die Schafschoad wegen des frühen Wintereinbruchs auf der Seeben-Alm (1566 Meter über Seehöhe) einen Tag früher als geplant durchgeführt werden. Seeben-Alm-Hirt Gerhard Wiggens: „Wenn die Tiere spüren, dass es Winter wird und das Futter knapp wird, dann wollen sie nach Hause“. Den angeborenen Instinkt teilen sich die Bergschafe mit ihrem Chef-Hirten.

Reifenpanne verzögert den Aufbruch

Gerhard Wiggens wird am Abend in sein persönliches Tagebuch schreiben, dass die Schafschoad heuer mit einer Viertelstunden-Verspätung starten konnte. Der Grund war ein „patscherter“ (platter) Reifen am Begleitfahrzeug von Werner Neuner. Das gut organisierte Schafschoad-Team, verfügt allerdings über einen eigenen Mechaniker. Hermann Neuner, Bruder von Werner, hat den schweren Reifen aus eigener Kraft gewechselt. In rekordverdächtiger Zeit. Ohne das Begleitfahrzeug, dass auf befahrbaren Wegen stets bemüht ist, mit der Herde „Höhe zu halten“, wäre der Schafabtrieb eine gefährliche Sache. Das Allrad-Fahrzeug hat warme und kalte Getränke an Bord, Kleidung zum wechseln und andere nützliche Dinge. Werner Neuner aus Fiecht hat den Job von seinem Vater Josef übernommen, der aus Alters- und Gesundheitsgründen nur noch Zaungast des Spektakels sein darf.

Auf los geht’s los

Gegen 7-Uhr-15 Uhr öffnet Dietmar Maurer das Gatter am Seeben-See. Er dreht sich, Richtung Coburger Hütte und auf Los geht’s los. Dietmar Maurer muss sich nicht umschauen. Die große Schaf-Herde folgt ihm bereitwillig. Nach drei Monaten in absoluter Freiheit, beenden die Tiere ihre Sommerferien auf der Seeben-Alm. Gerhard Wiggens hat sie in der Woche zuvor gesucht und zur Sammel-Koppel gebracht. Zum Schluss macht er sich auf die Suche nach den erfahrenen Tieren, die in kleinen Gruppen ihre Futterplätze überall suchen. Auch auf der benachbarten Hochfeldern-Alm. Das ist Jahr für Jahr das gleiche Kraft zehrende Spiel. Erst wenn alle Bergschafe in der Sammel-Koppel am Seebensee sind, entspannt sich der Alm-Hirt. Heuer war ein guter Almsommer: keine besonderen Vorkommnisse, Gerhard Wiggens hat seine Aufgabe sehr gut gemacht. Er ist ein genetisch veranlagter Alm-Hirt.

Das Tiroler Bergschaf ist alptüchtig

Der Tross setzt sich ruhig und konzentriert in Bewegung. Der Aufstieg zur 1917 Meter hoch gelegenen Coburger Hütte, vorbei am Drachensee (ca. 2000 Meter über Seehöhe), hoch zur 2272 Meter hohen Grünsteinscharte in der Mieminger Kette, ist zwar beschwerlich, geht aber zügig voran. Die Grünsteinscharte war bis kurz vor der Schafschoad wegen Steinschlags geschlossen. Ein neuer Pfad wurde angelegt, der zwar sehr gut ist, aber höchste Konzentration erfordert. Für Mensch und Tier. Auf dem Weg zum Drachensee überquert die Herde ein großes Schneefeld. Die Temperaturen liegen konstant im Minus-Bereich. Jeder Schritt ist gefährlich. Das Tiroler Bergschaf ist absolut alptüchtig, wie die Experten sagen. Das heißt, das Klauentier ist steig- und trittsicher. Vergleichbar, beispielsweise, mit der Gams.

Wolle auf der Stirn und flache Hängeohren

Der staunende Laie fühlt sich in eine fremde Sprachwelt versetzt, wenn er in der Fachsprache der Züchter liest, was das Tiroler Bergschaf von anderen Schafen unterscheidet. Eigentlich ganz klar. Zitat: „Das Tiroler Bergschaf ist ein mittelgroßes bis großes Schaf mit schmalem, geramstem, auf der Stirn bewolltem, hornlosem Kopf mit langen, flachen Hängeohren (Mundwinkel). Gut verwachsene Körperteile, mit tiefem Rumpf, gewölbter Rippe, langem, geradem Rücken, kompakter Schulter und leicht fallendem Becken“. Noch Fragen? – Gut.

Vorbei am „Fußballplatz“ mit Kreis-Labyrinthen

Die Herde passiert nach dem Tajatörl den Oberanger, genannt der „Fußballplatz“. Ein großes Plateau, dass in der Vergangenheit den Alp-Vorderen als zusätzlicher Weideplatz diente. Schaut aus wie ein Fußballstadion. Markant auf den Fotos von Michi Maurer zu sehen, sind zwei Kreis-Labyrinthe, die wohl mal vor Jahren von einer Jugendgruppe im Rahmen eines Kunstprojektes angelegt wurden. Genaueres wissen wir im Augenblick auch nicht. Es geht weiter. Auf einem Felsen stehend, wie eine Freiheitsstatue, steht Alm-Hirt Gerhard Wiggens, hoch über der Grünsteinscharte und kontrolliert den Übergang der ihm anvertrauten Herde. Er bleibt dabei auffallend ruhig. Erst nachdem das letzte Tier die Scharte überquert hat, kann Gerhard seinen Weg auf das Mieminger Plateau entspannt fortsetzen. Kein Schaf fehlt. Was so unbedeutend wirkt, ist eine Meisterleistung. Aller, die beim Almabtrieb von der Seeben-Alm nach Untermieming aktiv dabei sind. Die Herde bewegt sich über endlos wirkende Geröll-Pfade Berg abwärts. Schon bald wird es grün. Vorbei an immergrünen Nadelsträuchern und spärlichen Berggräsern kommt der Treck schnell an die Baumgrenze.

Am Arzkasten blöken die Schafe ihr Begrüßungs-Konzert

Es riecht nach Heimat und wird wärmer. In Rufweite nähert sich der Zug gegen 10-Uhr-30, nach seiner Passage der Grünsteinscharte und dem Lehnberghaus, dem einzigen großen Rastplatz heuer, der Koppel am Gasthaus Arzkasten der Familie Thaler. Der Untermieminger 500köpfige Bergschaf-Chor blökt sein fröhliches, aber atonales Begrüßungs-Konzert. Textlich und in Lautschrift klingt es vielstimmig wie „Bäääh“ oder „Bääähhääääh“. Es klingt auch wie ein Aufatmen, so als wollten die fünf-mal-hundert Schafe zum Ausdruck bringen, dass sie erleichtert und froh sind, weil die heimischen Ställe schon fühlbar nahe sind. Arzkasten-Wirtin Bernadette Thaler begrüßt ihre Gäste und serviert den Zweibeinigen erst einmal eine verdiente Runde Obstler. Die Schafschoadler werden im Arzkasten schon von ihren Familien mit Kindern erwartet.

Gratulation an die Erstlinge Martin, Noah und Luis

Stichwort Kinder – drei von allen waren ganz groß.Gratulation an Martin, Noah und Luis, sie begleiteten als „Erstlinge“ die heurige Schafschoad. Im Gasthaus Arzkasten wird die bisherige Tour reflektiert und analysiert und dann wird gegessen. Keiner bestellt die Spezialität des Hauses „Lammbraten mit Erdäpfeln und Bohnen“. Auf den Tisch kommen vor allem Trendspeisen, von Pommes „rot und weiß“, über den Riesen-Arzkasten-Burger bis zum Wiener Schnitzel und so weiter. Die Männer trinken dazu zum ersten Mal an diesem Sonntag ein kühles, frisch-gezapftes Bier. Sie sind die Attraktion unter all den nicht-doigen Gästen, die mit ihren persönlichen Begleittieren, die meist körperlich kaum zu orten sind, an diesem besonderen Sonntag-Vormittag wie von einem fremden Stern kommend wirken.

Geschafft – Erleichterung macht sich breit

Die Stimmung ist freundlich bis fröhlich. Nach einer knappen Stunde Rast macht sich die Herde wieder auf den Weg. Ihre Schluss-Etappe führt vorbei an Obsteig, den Moosalmwiesen in Barwies, dem Sozialzentrum und der Volksschule in Barwies, dem Haus der Musik in Obermieming, bis zur Ortsteilgrenze zwischen Ober- und Untermieming. Die ist unterhalb der Obermieminger Brücke, beim Stall von Barbara und Martin Spielmann. Von hier aus sind es nur noch ein paar hundert Meter bis zum Ziel. Es ist bei der Ankunft in Untermieming 14-Uhr-30. Die Stimmung steigt. Erleichterung macht sich breit. Das Wetter ist inzwischen schon fast sommerlich, bei Temperaturen bis zu 25 Grad. Der Himmel wolkenlos blau und deshalb säumen mehr Schaulustige als im Vorjahr die Straße an der Pfarrkirche vorbei, bis zu den Gasthäusern Stiegl und Neuwirt. Die Familien beider Gasthäuser begrüßen die Schafschoadler. Applaus für Alm-Hirt Gerhard Wiggens und sein Team. Das hat ebenso Tradition wie das Einkoppeln beim Stieglwirt, das anschließende „schoaden“ (trennen, scheiden der Tiere – daher der Name „Schafschoad“) und der letzte Weg in die jeweiligen Ställe. Dann wird wahlweise beim Stiegl- und Neuwirt zugekehrt.

Die Schafswolle hat Tauschwert

Der Stiegl ist bis auf den allerletzten Platz besetzt. Hier treffen sich die Schafer – Alt und Jung. Die Familien Oberdanner und Kranebitter machen Musik. Fragen werden gestellt und beantwortet – ein hin und her. Bis dann wieder alle nach Hause gehen. Am Montag  oder im Verlauf der Woche werden alle Schafe von ihrer Wolle getrennt. „Geld ist damit nicht zu verdienen. Für die meisten Schafbauern ist die Wolle gut für ein Tauschgeschäft“, erzählt mir Michi Maurer. Sie und ihr Mann Didi bringen die Wolle in eine Weberei im Ötztal und bekommen dafür – je nach Gewicht – geldwerte Gutscheine. Michi Maurer: „Im Winter lösen wir die meistens ein und fahren mit Teppichen, Patschen oder Wolle wieder nach Hause zurück. So war das schon früher, so ist es noch heute.

Gesichtete Prominenz

Vom Lehnberghaus bis nach Untermieming begleitete auch Bezirksbäuerin Renate Dengg den Schafabtrieb. Am Zielort sahen wir neben anderen prominenten Bäuerinnen und Bauern auch Bürgermeister Dr. Franz Dengg, der als Untermieminger mit seiner Frau Rita jedes Jahr zur Begrüßung an die Stiegl-Koppel kommt. Die Redaktion von Mieming-Online entschuldigt sich für die verspätete Veröffentlichung, glaubt allerdings mit den atemberaubenden Bildern von Team-Kollegin Michaela Maurer die Dinge wieder gerade gerückt zu haben. Einwände? Nein? Danke dafür!

Fotos: Michaela Maurer

Knut Kuckel

Journalist / Publizist. Herausgeber von:
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