Alm-Abtrieb 2012 – Von der Hochfeldern-Alm nach OberMieming

„Wenn Du hier aufgewachsen bist, schlägt Dein Herzl schneller als unten“, sagt Andreas Grabner in die Kamera. Morgens ums 6 Uhr früh auf der Hochfeldern-Alm. Langsam erwacht der Tag, ein Hahn kräht und die Hirten werden mit der Ziachorgel zum Frühstück gerufen. Viel Zeit bleibt ihnen nicht, denn heute haben sie eine große Aufgabe zu bewältigen. Hochfeldern-Wirtin Pia Kluckner reißt ein Kalenderblatt ab. Jetzt zeigt der Hütten-Kalender Samstag, den 15. September 2012 an. Mit ihrer Hand schrieb Pia irgendwann einmal auf das Blattl „Alm-Abtrieb“. Die Notiz liest sich leicht, aber sie bedeutet für Mensch und Tier ein strapaziöses Unterfangen, das für den einzelnen ob zwei- oder vierbeinig, bis an die Leistungsgrenzen geht.

252 Tiere geben auf der Alm ein Abschiedskonzert

Die Stimmung am Hirtentisch ist gut. Von außen ist nur das monotone Plätschern des Brunnens vor der Alm-Hütte zu hören und in der Ferne das vielfache Glockengeläut der 252 Tiere, die ihr Abschieds-Konzert geben. Für sie geht heute der Almsommer 2012 zu Ende. Nach drei Monaten. Seit Mitte Juni sind die Tiere auf der Hochfeldern-Alm. Es ging ihnen sehr gut, unter der Obhut ihres Hirten Norbert Kluckner. Kein Tier kam zu schaden. Das ist etwas besonderes und kommt erfahrungsgemäß nur alle paar Jahr mal vor. Wir erinnern uns – 2008 – vor fünf Jahren wurden sie das letzte Mal „aufgeprostert“, geschmückt ins Tal getrieben. Nur wenn alles gut gegangen ist, wird das Vieh geschmückt.

„Wegen Alm-Abtrieb heue geschlossen“

Auf der Alm, die seit rund 30 Jahren Norbert und Pia Kluckner im Auftrag der Agrargemeinschaft Feldernalpe bewirtschaften, bleiben noch drei Milchkühe im Stall zurück. Die Hochfeldern-Alm schließt üblicherweise erst Mitte Oktober, deshalb wird Norbert Kluckner für die Bergwanderer weiterhin seinen herzhaften Graukas produzieren. Dafür braucht er noch ein paar Milchkühe. Um den Graukas zu kaufen, kommen viele Feinschmecker zu ihm, auf die Hochfeldern-Alm. Sie liegt 1753 Meter über Seehöhe, auf dem Gemeindegebiet von Mieming. Über der Hüttentüre zeigt ein kleines, quadratisches Schild der Gemeinde Mieming die Haus-Nr. 230a im Ortsteil Obermieming an. Auf der Hütten-Türe hängt ein Blattl Papier, auf dem in großen Buchstaben steht „Heute wegen Almabtrieb geschlossen“. Der Brunnen sichert die Notversorgung mit frischem Bergwasser.

Von Null auf Hundertachtzig

Kurz vor 7 Uhr haben die Hirten ihre Schlafsäcke und andere persönliche Dinge verpackt. „Die müssen sekundenschnelle von Null auf Hundertachtzig sein“, wird Andreas Fischer später in seinem Film sagen und bei jedem steigt der Adrenalinspiegel und das ist wichtig für das Durchhaltevermögen“. Geschätzte 30 bis 32 Kilometer Fußweg liegen vor ihnen. Bei diesen Bedingungen ein Kraftakt. Die Tiere sind unruhig. Ein schottisches Longhorn mischt sich unter die Herde und brüllt als ginge es um Leben und Tod. Das zottlige Tier, mit seinen großen Hörnern, will auf der Alm bleiben. Ein Hirte sagt zum anderen „Mit der kanscht Du aussareitn, da hascht etwas zu heben“. Das Longhorn ist ausversehen in die Herde geraten. Die wenigen Cattles auf der Alm dürfen das ganze Jahr über bleiben. Genetisch an die schottischen Highlands gewöhnt, halten sie das auch aus.

Kühle zwei bis drei Grad am Morgen

Der Morgen ist kühl, sehr kühl. Obwohl am Horizont die Sonne aufgeht, sind alle noch warm angezogen. In der Höhe ist es viel kälter als drunten im Tal. „Zwei bis drei Grad“, sagt jemand laut. Die leichte Ungenauigkeit des Thermometers stört niemanden. Am Tage zuvor waren die Temperaturen um diese Zeit im Minus-Bereich. Das Begleitfahrzeug wird das Hirten-Gepäck verstauen und bei der ersten großen Rast im Gaistal drunten, werden sich alle leichtere Kleidung anziehen. Die Eltern von Hüttenwirtin Pia Kluckner, aus dem schwäbischen Ludwigsburg, stellen das Begleitfahrzeug. Das machen sie gerne und immer, wenn es nur irgendwie geht.

Zwischen Buchen und Bairbach nach Telfs

Alm-Meister Klaus Scharmer steht über sein mobiles Telefon in ständigem Kontakt mit seinem Team. Er wartet mit weiteren Hirten am Gasthaus Buchener Höhe. Als die Herde von weitem zu hören war, serviert die Wirtin auf der Straße eine Lage selbst Gebrannten. Erste Vitamine für die Hirten von Hochfeldern. In wenigen Augenblicken sehen alle, auf ihrem Weg nach Telfs, zum ersten Mal das Mieminger Plateau. Hier gibt es eine gute Wasserstelle für die Herde. Jetzt geht es zwischen Buchen und Bairbach über steile Serpentinen-Pfade abwärts. Nichts für schwache Gemüter. Die Tiere haben sich beruhigt. Sie spüren, dass sie nur so ohne Blessuren talwärts kommen können. Durch die Regenfälle der vergangenen Tage, finden sie überall ausreichend Wasser.

Stressfaktor Telfs

Telfs ist in relativ kurzer Zeit erreicht. Jetzt ist für die Herde und ihre Hirten absolute Konzentration erforderlich. „Die meisten Autofahrer“, klagt Alm-Meister Klaus Scharmer, „unterschätzen die Gefahren. Wenn die Herde hier einmal ausbricht, geschieht mehr als nur ein Unglück“. Die Freiwillige Feuerwehr Mieming leitet routiniert den Verkehr. Zusätzliche Hilfe kommt aus Mieming. Hannes Post und Kollegen schützen mit ihren Körpern die seitlich geparkten Autos. Das kann auf dem engen Puelacher- oder Zimmerbergweg nur jemand, dem das Vieh vertraut. Jemand mit „Stallgeruch“. Dazu kommen erste Mieminger Gratulantinnen wie Silvia Schneider und Anni Fischer. Das Mieming-Online-Team besteht die Belastungsprobe. Wenige Kilometer weiter geht es auf ruhigen und lichten Waldwegen zum Gerhardshof nach Wildermieming. Bis nach Mieming sind es von hier aus nur noch zwei bis drei Kilometer.

 Grüße von der Alm

Brotzeit am Hotel Traube der Familie Brenner in Affenhausen. Jetzt kommt eine neue Dynamik ins Spiel. Versorgungsfahrzeuge aus Mieming warten auf die Hirten, die erst einmal nur wortlos ins Gras fallen. Dann gibt es eine Wurstsemmel und für die Älteren eine Flasche Bier. Das Ziel ist in greifbare Nähe gerückt. Es ist kurz vor 14 Uhr. Eine Stunde früher als im letzten Jahr. Edi Haselwanter trifft mit seinem voll beladenen Deutz-Traktor, Baujahr 1938, ein. Auf dem Schmuckstück aus dem früheren Besitz der Familie Thaler vom Gasthof zur Post, sitzen festlich-trachtig gekleidet Kinder. Der Anhänger trägt ein Holzschild mit der eingebrannten Schrift „Grüße von der Alm“. Andi Grabner gibt unter den Musikanten, auf Strohballen sitzend, den Takt an. Den zweiten Oldtimer fährt der Sonnweber Sepp. Sein blauer Traktor zieht den Wagen mit den Prostern, dem Kopfschmuck für die Tiere. Darauf steht mit Alm-Blumen verziert u.a.  „Grüße von der Alm“, „Grüß Gott“, „Wir grüßen die Heimat“ oder „Gott schütze Dich“.

100 Jahre Viehzucht Verein Obermieming

Nach der Pause für Mensch und Tier werden die Rinder aufgeprostert (geschmückt“. Jetzt kommt der Schmuck zum Einsatz, den die Obermieminger Bäuerinnen am Tag zuvor gesteckt haben. Die erste eingefangene Kuh soll die „100“ im Kopfschmuck tragen. Die „Hundert“ steht für „100 Jahre Viehzucht Verein Obermieming“. Obmann Martin Spielmann sagt uns, mit dem heurigen Alm-Abtrieb ginge das Jubiläumsjahr feierlich seinem Ende zu. Begonnen wurde es bei der Maifeier, mit einer Jubiläums-Vieh-Ausstellung. Dazwischen gab es immer mal wieder nicht-öffentliche, kleinere Veranstaltungen für die Viehbauern im Ort. Die Tiere sind gestresst und müde. Sie wehren sich mit großem Körpereinsatz gegen den Kopfschmuck. Auch das Tier mit der „100“ im Kranz zeigt ein aggresives Verhalten. Später wird sie auf der niederen Alm beim Ab-Prostern den Scharmer Andi über die Weide ziehen. Es braucht dann vier bis fünf starke Arme, um sie einzufangen.

Applaus für die große Leistung

Erst einmal kommt jetzt der Einzug nach Obermieming. Die Musik spielt auf dem Hänger von Edi Haselwanters Deutz, der, gefolgt von den Tafele-Trägern, die Vorhut bildet. Dann kommen mit schnellem Schritt die Hirten und ihre Herde. Angeführt von Pia und Norbert Kluckner. Hunderte von Menschen säumen Straßen und Wege und applaudieren dem Zug. Sie wissen, welche Leistung alle vollbracht haben und zollen dem Vieh-Treck ihre Anerkennung. Andere haben in der Zwischenzeit am Festplatzl schon bei den Obermieminger Bäuerinnen die ersten Brote mit Grammlschmalz, Speck, Graukas oder Erdäpfel-Kas verspeist. Chefkoch Markus Oberhofer wird beim abschließenden Alm-Festl am Hiaslhof der Familie Post aus 30 Kilo Erdäpfeln, 100 Portionen Gröstl zubereiten, über 100 Frankfurterle sieden und mehr als geschätzte 80 Kiachl aus seiner Freiland-Küche  an Hungrige Festgäste verkaufen.

Die Mieminger Musikanten spielten auf

Zum Alm-Festl bei sonnigem Herbstwetter spielen die Mieminger Musikanten, die mit ihrer Blasmusik selbst den legendären Blasmusiker Slavko Avsenik aus nahe Bled in Slowenien beeindrucken würden. Alm-Meister Klaus Scharmer begrüßte mit einer kleinen Rede alle Gäste und gratulierte Alm-Hirt Norbert Kluckner zu seiner großen Leistung, alle Tiere am Ende ihres Almsommers wohlbehalten in ihre Ställe zurück geführt zu haben. Dafür gibt es einen donnernden Applaus. Der so Gelobte schnupft erst einmal ein Prise, bevor er auf seinem Gesicht ein Lächeln zulässt. Unter den Gästen zahlreiche Bauern, auch die Viehbauern aus Barwies. Ihr Obmann Benedikt van Staa, der am gleichen Tage seinen Alm-Abtieb von der Marienberg-Alpe feierte, gratulierte seinem Obmann-Kollegen Martin Kapeller aus Obermieming zu der stolzen Leistung. Mieming-Online wird im nächsten Jahr aus Barwies berichten. Das gilt als abgemacht. Die Altbürgermeister Karl Spielmann und Hofrat Dr. Otto Thaler reihten sich in die Schar der Gratulanten ein, ebenso Bürgermeister Dr. Franz Dengg.

Das 100jährige VZV-Jubiläum war erfolgreich

Der erfolgreiche Alm-Abtrieb „Hochfeldern-Alm – Mieming 2012“ wird in die Chronik der Obermieminger Viehhalter eingehen und schmückt die Schluss-Bilanz des 100jährigen Jubiläums des Obermieminger Viehzucht Vereins.

Fotos: Michael Sonnweber

Knut Kuckel

Journalist / Publizist. Herausgeber von:
→ „MediaNews.Blog" – Das Informationsportal MediaNews.Blog informiert über die Themenbereiche Medien, Journalismus und Kommunikation. Versteht sich auch als Forum für die Qualität im Journalismus, für Aus- und Weiterbildung in den Medien.
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